Steinbock Rudi rettet den Winterschlaf

Die Temperaturen fielen, die Tage wurden kürzer. Rudi, der Steinbock, streifte auf der Suche nach etwas Essbarem durch die Wälder. Ein für diese Jahreszeit ungewöhnliches Geräusch ließ ihn die Ohren aufstellen und stillstehen. Es dämmerte bereits und er musste die Augen zusammenkneifen um besser sehen zu können. Rechts von ihm raschelte es und ein Murmeltier stolperte aus dem Gebüsch. Sich die Augen reibend und herzzerreißend gähnend stand es vor Rudi, der verwirrt den Kopf schief legte.

„Was machst du denn hier?“ fragte er das Murmeltier. Es strich sich über die Nase, bevor es antwortete. „Wir können nicht einschlafen! Es ist viel zu hell!“ Rudis Blick fiel ins Tal, aus dem die Lichter der Menschen hinauf in die Berge strahlten. „Die letzten Wochen haben wir uns den Bauch voll geschlagen, um jetzt rasten zu können – und jetzt das!“ Empört zeigte er erst ins Tal, bevor er genervt die Pfoten in die Hüfte stemmte. „Schau dir meinen Bauch an – ich kann jetzt nicht umziehen. Und wohin denn auch? Man sieht die Lichter immer und überall!“

Die Murmeltierfamilie tat Rudi leid und er dachte nach, was er tun könnte, um ihnen zu helfen. Dann fasste er einen Entschluss. „Ich rette euren Winterschlaf!“ sagte er mit entschlossener Stimme und hoch erhobenem Kopf. Das Murmeltier rieb sich aufgeregt mit beiden Pfoten über sein Gesicht und beobachtete wie sich der Steinbock auf den Weg ins Tal machte.

Rudi erreichte vorsichtig die ersten Lichtern am Rande des Waldes und drang, als er keine Menschen entdecken konnte, immer weiter in das bunte Leuchten der Menschenwelt ein. In mitten des Lichtermeeres stand ein kleines Mädchen mit einer Laterne, deren Licht schwach flackerte. Rudi näherte sich ihr vorsichtig und stupste sie an. Sie lächelte, als sie sich zu ihm drehte. Als er sie ansprach weiteten sich ihre Augen vor Überraschung. „Kind, wir brauchen eure Hilfe! Die Lichter eurer Stadt sind so hell, dass es für meine Freunde in den Bergen unmöglich ist, in den Winterschlaf zu finden – sie können nicht einschlafen.“ Das Mädchen dachte einen Moment lang nach. Dann antwortete sie: „Das verstehe ich gut, ich kann auch nicht gut schlafen, wenn das große Licht an ist. Ein kleines Nachtlicht reicht aus. Brauchen deine Freunde auch ein Nachtlicht?“ Nun war es an Rudi über die Worte des Menschenkindes nachzudenken. „Ist nicht der Mond das Nachtlicht?“ fragte er sie schließlich. „Ja stimmt!“ erwiderte sie erfreut.

Sie blickte in den Himmel, doch die Sterne und der Mond waren kaum zu sehen. „Ich sag’s meiner Mama. Sie soll die Lichter ausmachen, damit deine Freunde ihren Winterschlaf bekommen.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um, öffnete das Gartentor, vor dem sie gewartet hatte und rannte durch den Garten zum Haus. „MAAAMMMAAA!“ war das letzte, was Rudi hörte.

Annikas Mutter hörte ihrer aufgeregten Tochter zu, nachdem diese ins Wohnzimmer geplatzt war. Und irgendwas in Annikas Erzählung von einem Steinbock und seinen Freunden, die wegen den Lichtern der Stadt keinen Winterschlaf halten konnten, kam so eindringlich bei ihr an, dass sie zum Telefon griff und einen Anruf tätigte.

Rudi hatte sich inzwischen wieder an den Aufstieg gemacht und war bereits ein gutes Stück weit gekommen, als hinter ihm, langsam und unkoordiniert, die Lichter ausgingen. Er blieb stehen und beobachtete, wie die Stadt dunkel wurde. Nur einzelne, schwach flackernde Lichter, wie die der Laterne des Mädchens, zogen durch die Straßen und versammelten sich auf einem großen Platz. ‚Ein Nachtlicht‘ dachte Rudi und dankte in Gedanken dem kleinen Mädchen.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: