Die Idee von dir

Es gibt ein Thema in meinem Leben, über das wird eigentlich nie gesprochen. Wenn überhaupt, dann taucht dieses Thema immer nur in den sozialen Medien auf. Es wird in Facebook-Gruppen, in Blogs oder auf Twitter angeschnitten. Und meist ist diesen Schreibenden eines gemein: der Wunsch, darüber zu sprechen gepaart mit einem Umfeld, dem dabei nicht so wohl ist und das nicht weiß, wie es damit umgehen soll. Wovon ich hier schreibe: frühe Abgänge, Fehlgeburten, Eileiterschwangerschaften.

Meine Geschichte

Was ich euch erzählen möchte, ist meine Geschichte. Meine allein. Denn ich möchte mir niemals anmaßen, zu erahnen, wie es anderen Müttern oder Vätern mit diesem oder ähnlichen Verlusten erging.

Ich war 27 und hatte meinen ersten Uni-Abschluss endlich in der Tasche, als mein Partner und ich beschlossen, die Verhütung zu beenden und „es auf uns zukommen zu lassen“. Auf Grund mehrere operativer Eingriffe in meiner Jugend, gingen wir davon aus, dass es länger dauern würde, was mit ein Grund dafür war, dass wir nicht sehr viel länger damit warten wollten. Wird ja mit dem Alter nicht leichter, weiß man ja. Bis zum ersten positiven Schwangerschaftstest verging über ein Jahr.

Ein Jahr klingt jetzt erstmal nicht viel. Aber es sind auch 12 Zyklen, die man gespannt erwartet bzw. nicht erwartet. Aber ok, halb so wild, immerhin blieb die Periode endlich aus und der zweite Strich auf dem blau-weißen Testinstrument kam zum Vorschein. Ernüchterung Nummer 1: der Gynäkologe wollte mich erst in zwei Wochen sehen, vorher wäre es sinnlos. Das wusste ich nicht und enttäuschte mich. Und bis der Termin dann gekommen war, war ich nicht mehr schwanger.

„Das befruchtete Ei konnte sich nicht einnisten und ist wieder abgegangen. Sie dürften eine leichte Schmierblutung gehabt haben. Ist aber alles halb so wild, das war ja noch gar nix. Außerdem passiert das vielen Frauen.“ Ich fuhr nach Hause. Ok, da war noch nix… konnte sich nicht einnisten… halb so schlimm.

Das geschah noch zwei weitere Mal, bis es dann zu einer Eileiterschwangerschaft kam. Dieses Mal ist das Ei nicht abgegangen. Nein. Es suchte sich den falschen Ort aus und konnte sich dort nicht richtig weiter entwickeln. Als mir die Ärztin im Krankenhaus diese Mitteilung überbrachte und ich zu Weinen begann, sprach sie diese Worte, die ich jetzt schon so oft gehört hatte. „Da war ja noch nichts.“

Am Telefon mit meinem Mann begann ich zu schreien. „Da war diese Idee! Diese Idee von einem Leben mit diesen kleinen Wesen, die es nicht schaffen, bei mir zu bleiben. Eine Idee von einem wundervollen Leben als Mutter dieser süßen kleinen Wesen, denen ich Liebe und ein Zuhause geben wollte. Wieso, verdammt nochmal, versteht das niemand? DA WAR NICHT NICHTS!“

Versteht mich nicht falsch, ich weiß, was sie versucht haben zu sagen, was sie gemeint haben. Und ich weiß auch, dass es ihr Versuch war, es für mich leichter zu machen. Aber ich habe mich selten so missverstanden und allein gefühlt, wie damals, in diesem Krankenhauszimmer. Nachdem sie mir gesagt haben, dass man das weitere Wachstum der Eileiterschwangerschaft mit einer Spritze verhindern werde. Dass diese Spritze eine weitere Idee ausradieren wird. Dann ließ man mich allein. Denn da war ja noch nichts, es gab keinen Grund zu weinen, somit auch keinen Grund für Beistand oder Trost.

Ich will hier nicht mahnend den Zeigefinger heben. Nehmt mit was euch berührt, lasst hier, was nicht zu euch passt. Ich für meinen Teil habe gelernt, dass es mir hilft darüber zu sprechen und das es anderen Frauen in meinem Umfeld eine Tür öffnet. Plötzlich wird darüber gesprochen, geschimpft und geweint. Und das ist gut.

In Liebe für jedes Sternenstaubkorn, dass keine Heimat bei mir finden konnte, geschrieben.

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