Rezension: Mein wunderbares schüchternes Kind

„Wir brauchen nicht nur Anführer*innen, Selbstdarsteller*innen und Rampensäue! Bunt ist gut. Vielfalt ist ein Gewinn. (S. 16)

Buchrezension

Titel: Mein wunderbares schüchternes Kind

Autorin: Inke Hummel, Pädagogin und Familienbegleiterin bei <sAchtsam Hummel>

Herausgeber: Humboldt Verlag

Erschienen: 20. Februar 2021

Taschenbuch: 176 Seiten

ISBN-13: 978- 3842616479

Körnchen steht oben auf der Rutsche und hält sich an der Stange fest, bereit sich hinzusetzen. Eben noch war er mutig über die wackelige Hängebrücke hinüber gegangen, ich hatte mich bereits am Fuß der Rutsche positioniert und war bereit ihn aufzufangen. Doch hinter ihm klettern jetzt zwei etwas ältere Kinder die Leiter hinauf und Körnchen macht einen Schritt zurück. Dann zur Seite. Seine Hände wandern vor seinem Bauch zusammen, wie immer, wenn er sich unsicher fühlt. Das hatte ich schon öfter beobachten können. Er spielt dann an seinen Fingern herum, während er schüchtern lächelt, kein Wort mehr heraus bekommt und sich abseits stellt.

Ich betrachte diese Szene und bekomme Bauchweh. Ich, die schon immer sozial gehemmt war, die zu Anlässen, bei denen viele Menschen anwesend sind, Karteikarten mit Smalltalkthemen in ihrer Handtasche hatte. Ich sah mich in meinem Sohn und hatte natürlich sofort auch die Kämpfe vor Augen, die ich wegen meiner Schüchternheit mit mir selbst ausgefochten habe. Für ihn hatte ich mir etwas anderes gewünscht. Einen aufgeschlossenen, vielleicht sogar schlagfertigen Jungen, der sich leicht tun würde, mit Menschen in Kontakt zu treten und Freunde zu finden. Und dann sah ich den Titel von Inke Hummels neuem Buch.

„Mein wunderbares schüchternes Kind“

Der Titel ist Einladung und Mahnung zugleich. Er erinnert dich daran, dass dein Kind wunderbar ist, so wie es ist. Das Schüchternheit etwas positives sein kann. Und es weckt Hoffnung. Denn etwas wunderbares muss man vielleicht gar nicht ändern, sondern nur besonders behandeln.

„Versuch, an allem das Positive zu sehen, denn jede Besonderheit hat auch gute Seiten, so anstrengend sie auch sein mag.“

(Hummel, Mein wunderbares schüchternes Kind, S. 99)

Was man machen kann und soll, verrät sie bereits im Untertitel: Mut machen, Selbstvertrauen stärken, liebevoll begleiten. Und für das WIE bleibt sie überhaupt nicht auf einem abstrakten Theorielevel, wo dem Leser/der Leserin ausufernd erklärt wird, was wie wo weshalb und warum. Nein. Neben wichtigen Botschaften wie

„Schüchternheit und Ängstlichkeit, unter denen Menschen nicht leiden und die sie selbst nicht stören, sind erst einmal okay und von uns anzunehmen – als Wesensart und in ihren Folgen. Du, euer Umfeld und dein Kind müssen sie akzeptieren.“

s.19

und Checklisten, die bei der Einordnung der Wesensart helfen und anleiten, wann professionelle Hilfe angeraten wäre, ist dieses Buch vor allem eines: ein alltagsnaher Helfer. Mein eigenes Exemplar ist im Bereich „Schüchtern im Baby-, Kleinkind- und Vorschulalter (0-5 Jahre)“ über und über grün markiert, weil ich darin so praktische und super leicht umsetzbare Tipps für das Begleiten meines Körnchens und für meinen Umgang mit seinem Umfeld gefunden habe. Die Kapitel „Schüchtern im Grundschulalter (6-10 Jahre) und „Schüchtern im Jugendalter (11-18 Jahre) warten derweil im Regal auf ihren Einsatz 🙂

Ohne zu viel verraten zu wollen, ein paar meiner grün markierten Stellen:

Gut vorbereitet in die Außenwelt, liebevoll begleitet im Moment:

„Wenn du spürst, dass etwas nicht in Ordnung ist, schenk deinem Kind die Wörter, die es vielleicht selbst nicht finden kann: Kann es sein, dass es dir zu laut ist? (…)“

S.43

Für einen ruhigen und sachlichen Umgang mit Ärzt*innen und Therapeut*innen, die im geschäftigen Praxisalltag nicht immer den ruhigsten und bedächtigsten Untersuchungsaufwand betreiben, gibt die Autorin uns sogar Worte mit an die Hand (wofür ich ja immer sehr dankbar bin *Karteikarte schreib*):

„Druck hilft ihm nicht, danke. Wir machen das mit Zeit und Liebe.“

„Wenn wir zusammen zwei oder drei Minuten ins Kennenlernen investieren, wird das Untersuchen sicher gleich besser gehen.“

S. 52

Aufgeteilt in <Unterwegs>, <zu Hause klarkommen> und <Dein Kind und seine Persönlichkeit> klopft die Autorin die zentralen Alltagsthemen der jeweiligen Alters- und Entwicklungsstufen ab und hat konkrete Ideen und Tipps parat. Der Umgang mit der Verwandtschaft wird ebenso thematisiert wie die Eingewöhnung in die Kita, Essen und Schlafen, Sauberwerden und Spielen. Kennt ihr zum Beispiel schon das Bindungsband? Eine tolle Idee fürs Eingewöhnen ins eigene Bett:

„Du kannst tatsächlich ein Bindungsband nutzen: Eine dicke Kordel oder Ähnliches, kann eure Verbindung sein, auch wenn es beim Einschlafen räumlichen Abstand gibt. Verknote sie am Bettpfosten oder trag das andere Ende bei dir, bis dein Kind schläft.“

S. 79

Das Kind fühlt sich auf dem WC allein? Schonmal an ein Funkgerät gedacht? Oder mit deinem Kind Abwehrschirme gegen Monster gebastelt? Diese und viele weitere Ideen findet ihr in diesem Buch. Für das nötige Wissen und die Akzeptanz. Für einen ganz ganz liebevollen, geduldigen und spielerischen Umgang mit eurem besonderen und eben auch schüchternen Kind. Denn euer Kind ist

„…ein wunderbarer schüchterner Mensch – und ganz vieles mehr.“

Nachwort, Inke Hummel

Fazit?

Die perfekte Mischung aus Informationen, Expertenstimmen, bindungsorientierten Botschaften und Tipps ist eine klare Leseempfehlung für alle Eltern mit einem schüchternen oder ängstlichen Kind. Für alle, die gern wissen möchten „Wann und wie kann ich mein Kind „schubsen“ – was kann ich „zugewandt zumuten?“ Für eigentliche alle mit einem oder mehreren Kindern. Viele der Tipps sind in gewissen Entwicklungsphasen für fast jedes Kind hilfreich! Für Pädagoginnen und GrundschullehrerInnen, die ein schüchternes, zurückhaltendes Kind in ihrer Gruppe/Klasse haben und gerne unterstützen möchten. Für Omas und Opas, die gerne besser verstehen möchten, warum ihr Enkelkind einfach etwas länger braucht, bis es „auftaut“, mit ihnen „warm wird“. Kaufen, Textmarker parat legen und freudig losschmökern!


Alles Liebe, eure Michèle

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