Kindliche Regression

Wenn die Entwicklung einen Schritt rückwärts macht

Was hinter mir liegt ist gewiss.

Was vor mir liegt ungewiss.

Wenn Kinder gewisse Fähigkeiten scheinbar plötzlich verlernen und Verhaltensweise aus der Zeit vor dem Erwerb dieser Fähigkeiten zeigen, führt das bei Eltern zu Sorge und/oder Unverständnis. Eine kindliche Regression, also wenn das Kind auf eine frühere Entwicklungsphase zurückgreift, muss aber kein Grund zur Panik sein. Allerdings ist sie stets ein Fingerzeig für ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis des Kindes.

Regression - Was ist das?
Dieser Begriff aus der Psychoanalyse steht für einen Rückfall in Verhaltensweisen, die einer vorangegangenen Entwicklungsstufe entsprechen. In der Regel war diese Entwicklungsstufe mit weniger Anforderungen verbunden. Daher kann die Regression in Belastungssituationen auftreten, um Überforderung zu vermeiden und Ängste zu minimieren. 

Das Kind versetzt sich also unbewusst in eine Phase, in der es sich sicher gefühlt hat, und verwendet die entsprechenden Fähigkeiten. So spricht es beispielsweise plötzlich wieder in Baby-Sprache, krabbelt nur noch, obwohl es bereits laufen kann. Es nässt oder kotet ein, obwohl es bereits sauber war. Es möchte wieder gestillt werden. Letzteres häufig im Zusammenhang mit der Geburt eines Geschwisters. Die Geburt eines weiteren Kindes zählt zu den typischen Anlässen nach denen Kinder regredieren, also kurzeitig einen Schritt rückwärts auf der Entwicklungsleiter machen. Außerdem findet man regressives Verhalten häufig nach Trennung der Eltern oder traumatischen Erlebnissen.

Allgemein kann dieses Verhalten immer dann auftreten, wenn vom Kind eine große Anpassungsleistung erwartet wird und es damit überfordert ist. Das kann auch beim Start in die Kindergartenbetreuung der Fall sein. Man könnte es also auch erstmal als Selbsthilfe zur Bewältigung einer aktuellen Anforderung betrachten. Eine Leistung der kindlichen Psyche, sich vor Überlastung, Verunsicherung und Angst zu schützen.

Was tun?

Erstmal ist die Regression kein Grund in Aktionismus zu verfallen. Es kann hilfreich sein, die aktuellen Umstände im Leben des Kindes genauer zu betrachten. Hat sich etwas gravierend geändert? Hat vor kurzem die Außer-Haus-Betreuung begonnen oder wurde ein Geschwister geboren? Gibt es zwischen Mama und Papa viel Streit oder ist einer von beiden nicht mehr greifbar? Hat das Kind den Kontakt zu einer wichtigen Bezugsperson verloren oder einschränken müssen? Oder ist es eventuell eine rein situationsbezogenen Regression? Nur wenn das Kind in die Kita muss oder wenn es zum Arzt geht? Wenn es mit dem Nachbarskind spielen soll, dass aber den großen Hund oder die grobe Katze hat? Nur beim Sport? Nur an Plätzen mit vielen fremden Menschen?

Ich könnte hier ewig weiter aufzählen, was Kindern möglicherweise Angst macht oder welche Lebensveränderungen ein Unsicherheitsgefühl hervorbringt, welches die kindliche Psyche zur Regression greifen lässt. Letztlich werde ich niemals alle Möglichkeiten nennen können. Hier seid ihr gefragt. Ihr kennt euer Kind besser als jeder andere. Im Normalfall ist eine Regression eine zeitlich begrenzte Phase, die sich wieder verliert, wenn das das Kind gelernt hat, mit den neuen Anforderungen umzugehen. Doch natürlich könnt ihr dabei behilflich sein, einen guten Umgang zu finden.

Wie oben bereits erwähnt ist das Hauptziel der Regression eine Wiederherstellung des Sicherheitsgefühls. Und das ist schließlich die elterliche Kernkompetenz. Geht ihr kurzzeitig auf den Entwicklungsrückschritt ein, füllt ihr damit den Sicherheitstank des Kindes wieder auf. Ein Verweigern der „bedürftigeren Anteile“ des kindlichen Verhaltens erhöht das Unsicherheit- und Angstempfinden und kann zu einer Fixierung auf diese Überlastungsthematik führen. Oder das regressive Verhalten dehnt sich von einer spezifischen Situation auf weitere bis hin zum gesamten Alltag aus. Über das Bereitstellen von Sicherheit hinaus haben Eltern auch die Möglichkeit mit ihrem Kind Strategien zu erarbeiten oder erlernen, die in speziellen Situationen helfen. Ein paar Anregungen zu diesem Absatz:

  • auf das Bedürfnis nach Sicherheit eingehen (wieder im Bett schlafen lassen, tragen, mehr Unterstützung anbieten)
  • keinen Druck ausüben („Du kannst das schon, mach jetzt!“)
  • Vor Druck, Kritik und Ähnlichem von Außen schützen (*zu Punkt 1-3 siehe Buchtipp unten*)
  • auf Babysprache mit Erwachsenensprache antworten, aber ohne Korrektur der Babysprache
  • kein Schimpfen oder Bestrafen für Einnässen etc.
  • bestärkendes Anstupsen mit der Möglichkeit zum Rückzug
  • Situationen vorher im Rollenspiel üben
  • Vorbereitungen (zB für Arztbesuch, Ausflug etc) gemeinsam angehen
  • exklusive Mama- oder Papa-Zeit (besonders im Fall der Regression nach Geschwistergeburt)
  • achtsamer Umgang mit angstbesetzten Situationen, kein Vermeiden. Das Kind fragen (wenn möglich), was es braucht, um sich in dieser Situation wohler zu fühlen.

Es hört nicht auf?

Die Regression hält über Monate an, kehrt immer wieder, erweitert sich auf bisher nicht betroffene Verhaltensweise oder ein Entwicklungsstillstand tritt ein?

Dann solltet ihr das mit dem Kinderarzt/der Kinderärztin und in weiterer Folge mit einem Kinder- und Jugendpsychologen abklären lassen.

Alles Liebe, eure Michèle


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