Kindliche Ängste

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Im Hause Sternenstaub sind kleine Monster und rote Drachen eingezogen. Manch ein kleines Monster möchte spielen, wieder ein anderes ist beleidigt und der kleine rote Drache braucht ein einiges Frühstück UND einen eigenen Stuhl. Die magische Phase hat begonnen, die Fantasie hat Einzug gehalten. Und mit der Fantasie kommt die Angst. Aber nicht nur. Denn auch kindliche Entwicklungssprünge tragen das Potential für Angst in sich. Bis eine neue (kognitive) Fähigkeit in das Erleben und die Denkwelt eines Kindes eingegliedert ist, kann sie von Verunsicherungen und Ängsten begleitet werden.

Info 'magische Phase'
Zwischen 3 und 7 Jahre alt sind Kinder im Stadium der präoperationalen Intelligenz, wie Piaget diese Entwicklungsstufe auch nennt. Sie ist gekennzeichnet von einer Verknüpfung von Realität und Fantasie. Besonders offensichtlich wird das beim Phänomen Animismus: Kinder schreiben Gegenständen menschliche Gedanken und Gefühle zu. Außerdem entwickelt sich in dieser Phase das "Ich"-Konzept, das Kind lernt den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit, Rollenspiele rücken ins Zentrum und das Miteinander-Spielen beginnt. 

Ängste sind normal. Gesund sogar, denn sie schärfen unsere Aufmerksamkeit, aktivieren uns. Früher waren sie sogar überlebensnotwendig. In mancher Hinsicht, im Straßenverkehr zum Beispiel, ist eine gute Portion Vorsicht und Respekt auch heute noch überlebensförderlich. Und auch wenn Eltern stets den Wunsch haben, ihren Kindern negative Gefühle zu ersparen: Angst ist ein Gefühl wie jedes andere und hat seine Berechtigung. Diese ist für uns nicht immer zweifelsfrei nachvollziehbar und der Angstauslöser nicht zwingend erkennbar, aber trotzdem. Einem Kind ist weit mehr geholfen, wenn seine Angst gesehen und anerkannt wird, als wenn sie „weggeredet“ wird.

Wagen wir das Gedankenexperiment. Du bist ein kleines Kind, liegst in deinem dunkeln Zimmer und sollst schlafen. Es ertönen seltsame Geräusche über dir, die du nicht einordnen kannst. Dein Puls beschleunigt sich und dein Atem geht schneller. Huch, das fühlt sich auch nicht gut an und verunsichert dich noch mehr. Du rufst nach deiner Mama, denn sie ist dein Sicherheitsnetz, bei ihr kann dir nichts passieren. Sie kommt auch ganz schnell, was dich schonmal sehr erleichtert. Das Licht macht sie auch an, so ein Glück. Du erzählst ihr von dem Geräusch und sie lacht. „Ach, da brauchst du gar keine Angst haben! Das war der Dachbalken, der geknarzt hat.“ Überspitzen wir das Gedankenspiel noch etwas und lassen Papa noch den Kopf ins Zimmer stecken. „Du bist doch schon ein großer Junge! Und Jungs haben keine Angst. Schlaf jetzt weiter.“ Mama gibt noch einen Kuss und steckt die Decke fest. Du bleibst verwirrt zurück. In dir, nicht fassbar und ganz diffus, beginnt ein Zwiespalt. Denn Mama und Papa sagen, was du gefühlt hast, war gar nicht richtig. Dein Gefühl war falsch. Auch wenn du gar nicht weißt, was ein Dachbalken ist oder was knarzen bedeutet und warum sowas passiert. Aber du sollst so nicht fühlen.

Wenn es um Gefühle geht, stehen Logik und Realität meist auf verlorenem Posten. In der Psychologie gibt es viele Beispiele dafür, dass mit Vernunft nicht immer beizukommen ist. Ein Trauma löst sich nicht auf, weil jemand sagt „es ist vorbei, du bist in Sicherheit“. Ein Zwang, der ein Gefühl von Sicherheit in einer chaotischen Welt vermittelt, hört nicht auf, weil jemand sagt „diese Handlung steht in keinem Zusammenhang zu deiner Sicherheit“. Und Ängste verpuffen nicht, wenn jemand sagt „du brauchst keine Angst zu haben“. Was Ängste aus elterlicher Sicht wirklich brauchen, um sich zu verwandeln, ist erkannt und angenommen zu werden. Und dafür braucht es Verständnis, Geduld und Zeit. Aus kindlicher Sicht braucht die Bewältigung der Angst die Befähigung, mit der Angst umzugehen. Dabei können Eltern begleiten, diese Co-Regulierung ist unsere Aufgabe. Nicht das Vermeiden der Angst oder Wegrationalisieren. Wir vermitteln die Sicherheit.

Konkret kann das heißen, dass man seinem Kind zur Seite steht und es fragt, was es nun tun will? Je nach Ausmaß der Angst kann man versuchen, erstmal das Kind Ideen entwickeln zu lassen, wie man mit dem Angstauslöser umgehen kann. Und diese Ideen dann gerne auch wirklich mitspielen! Ist die Angst so groß, dass sie das Kind eher lähmt, suche Vorschläge, die dein Kind in die Handlung einbeziehen und langfristig befähigen. Will es vielleicht nachschauen gehen, aber an Mamas Hand? Will es vielleicht alle Monster mit Papa in einen Kissenbezug stopfen und vor die Tür bringen? Oder den Drachen zum Frühstück einladen, damit er satt ist? Etwas Wasser in einer Sprühflasche eignet sich wunderbar als „Monster-Spray“ – wenn das an der Tür versprüht wird, kann kein Monster mehr durch! Und die kleinen Geister unter dem Bett? Die mögen keine roten Schlafanzüge, schon gewusst? Nutzt die Magie für euch, dann sind euch keine Grenzen gesetzt 🙂

Deine Reaktion ist sehr zentral. Das Wort „Monster“ (beispielsweise) muss für dein Kind nicht zwangsläufig angstbesetzt und gruselig sein. Versuch es mal mit einer neutralen Reaktion und erfrage, was die Fantasiewesen für dein Kind sind und welche Absichten es ihnen zuschreibt.

Bei Schreckhaftigkeit vor ganz realen, eher alltäglichen Phänomenen, wie Gewitter, Dunkelheit, Klappern der Jalousie, sind ernst nehmen und begleiten die Strategien der Wahl. Auch hier kann das Kind aktiv mit einbezogen werden, wenn es um eine Linderung der Angst geht. Wäre ein Nachtlicht fein? Oder ein Bindungsband*? Gibt es ein besonderes Plüschtier, das keine Angst hat und das Kind beschützen kann? Will es bei Mama und Papa im Bett schlafen, wenn es draussen donnert? Oder mit Kapuze schlafen? Sammelt die Ideen eures Kindes und probiert es aus. Und wenn es nicht klappt, war das keine blöde Idee. Bietet eine neue an und ladet das Kind ein, aktiv die Umsetzung mitzugestalten.

Die wirklich wundervolle Idee des Bindungsbands habe ich eben im neuen Buch "mein wunderbares schüchternes Kind" von Inke Hummel entdeckt (Rezension folgt). Es handelt sich dabei um ein dickes Band oder eine Kordel, die vom Elternbett zum Kinderbett führt, also auch über zwei Räume hinweg gespannt werden kann und die Verbindung zu den Eltern auf eine tatsächlich wahrnehmbare, physische Ebene holt. Im Buch ist das ein Vorschlag, um ein Kind an das Schlafen im eigenen Bett zu gewöhnen, ich denke jedoch, dass das auch eine tolle Möglichkeit ist, Rückversicherung anzubieten, wenn ängstliche Nächte anstehen. 

Was hat euren Kindern geholfen? Erzählt mir davon in den Kommentaren.


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Hi! Mein Name ist Michele, ich bin 33 Jahre alt, Mutter, Psychologin, Familienbegleiterin und Autorin für den Humboldt-Verlag. Mit meinem Mama- und Psychologieblog möchte ich meine Erfahrungen als Mama des Körnchens (09/2018) sowie aus meiner Arbeit als Familienbegleiterin teilen. Durch meinen Kernberuf als Psychologin fließen auch Aspekte der Entwicklungspsychologie und der Bindungstheorie in meine Texte ein.

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