Nachgeben oder Durchsetzen?

Gilt bedürfnisorientiert auch für Mamis?

Körnchen und sein Rasenmäher

Wir stehen auf dem Rodelhügel und ich kann meine Füße kaum noch spüren – trotz Winterstiefel und Softshell-Hose. 3x habe ich schon gesagt, dass wir jetzt gehen, dass mir kalt ist und ich zu Hause noch arbeiten muss. 3x hat Körnchen dies noch tun und das noch machen wollen – Hauptsache nicht nach Hause. Und ich habe nachgegeben. Bis ich dann wirklich wirklich nicht mehr wollte und ein strampelndes Kleinkind unter dem Arm nach Hause trug, zornig.

In diesem kurzen Moment vordergründig zornig auf Körnchen, aber eigentlich, wenn man es genau betrachtet, zornig auf mich selbst. Denn ich hatte meine Bedürfnisse hinten angestellt, obwohl sie sich drängend gezeigt hatten. Ich habe nicht zugunsten Körnchen entschieden und diese Entscheidung dann auch wirklich voll mitgetragen. Nein, ich habe gegen meine Wünsche hin seinen Wünschen nachgegeben und das widerwillig. Und blöd, wie die Psyche manchmal ist, nahm ich ihm das übel, statt mir selbst. Als wäre er für die Wahrung meiner Bedürfnisse zuständig und nicht anders herum.

Führen wir also die losen Fäden meiner Gedanken im obigen Beispiel fort: ich sage, dass ich nach Hause will und wir jetzt gehen. Körnchen lässt mich wissen, dass er noch bleiben will. So, entweder finde ich eine Lösung, die uns beide glücklich macht (beispielsweise: Körnchen darf zuhause im Garten weiterspielen, wo ich auch Zugang zu Kaffee habe 🙂 ) oder es kommt eine der beiden folgenden Optionen zum tragen, weil es keinen Kompromiss geben kann. Das wäre der Fall, wenn ein Bedürfnis oder eine Verpflichtung schwerer wiegt und JETZT beachtet/erfüllt werden muss.

1. ich entscheide, dass Körnchens Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft mein Bedürfnis nach einer warmen Tasse Kaffee übertrumpft. Dann habe ICH diese Entscheidung getroffen und muss mich mit ihr arrangieren. Niemand anders hat dafür den Kopf hinzuhalten, vor allem nicht Körnchen. Wenn ich die Entscheidung ganz bewusst so treffe, dann sollte ich ihm den Spaß beim Rodeln auch wirklich gönnen und nicht (teils unbewusst) grummeln, weil ER nicht meinen Bedürfnissen Vorrang gegeben hat. Denn das ist ihm noch gar nicht möglich. Oder…

2. …ich entscheide, dass mein Bedürfnis nach Wärme und vielleicht noch andere Verpflichtungen (wie Haushalt oder Arbeit) nun über Körnchens Bedürfnis nach frischer Luft und Bewegung stehen und wir lange genug Bobfahren waren. Ich entscheide das und Körnchen muss davon nicht begeistert sein. Er hat das Recht, wütend, enttäuscht oder traurig zu sein und ich kann ihn dadurch begleiten. Als reflektierte Erwachsene bin ich in diesem Moment die, die die Bedürfnisse gegeneinander aufwiegt und für alle entscheidet. Für alle heißt auch: inklusive mir selbst.

Nora Imlau gibt in ihrem Buch „Mein Familienkompass – Was brauch ich und was brauchst du?“ zum oben dargestellten Szenario einige interessante Gedanken mit:

  • Kommen wir in die Situation, zwischen unseren und den Bedürfnissen des Kindes abwägen zu müssen, kann es hilfreich sein, kurz durchzuatmen und im Kopf drei weitere Optionen zwischen Nachgeben und Durchsetzen zu suchen.
  • Ist dies nicht möglich, weil es in genau dieser Situation keinen Kompromiss gibt (ein wichtiger Termin bspw.) dann hat zumindest das Durchatmen und das Weiten des Blicks für alle Bedürfnisse nicht geschadet 🙂 Nun gilt es zu entscheiden: Wer leidet mehr?

„Wer leidet mehr?“ diese Frage ist keine Geheimformel, die alle Probleme löst, aber ein kluger Anhaltspunkt, um mir klar zu werden, wie wichtig mir mein eigenes Anliegen gerade ist.

Nora Imlau. Mein Familienkompass S. 233

Kommt man zum Schluss, dass man selbst „mehr leidet“, also der eigene Leidensdruck immens ist, weil es um wichtige Verpflichtungen geht, dann muss ich mich zugewandt durchsetzen, siehe meine oben beschriebene zweite Option. Überwiegt Körnchens Leidensdruck und ich entscheide, diesem nachzugeben, dann eben bewusst und kontrolliert. „Raus aus der Opferrolle, rein in die Verantwortung – das ist das Grundprinzip beim kontrollierten Nachgeben“ so Nora Imlau. ICH habe entschieden, ich wurde dazu nicht gezwungen.

(Kleine Anekdote: es drehten sich meine Gedanken zum Rodel-Dilemma und ich erinnerte mich daran, dass in Nora Imlaus Buch dazu eine Entscheidungshilfe war. Nachdem ich das Buch hervorgeholt und nachgeschaut hatte, musste ich lachen, denn sie beschreibt eine sehr ähnliche Szene mit Eltern auf dem Spielplatz. Mitten aus dem Leben eben :) 

Weiter im Text: klingt in der Theorie alles ziemlich einleuchtend, ist aber in der Praxis ziemlich schwierig. Für mich jedenfalls. Aus welchem Grund auch immer habe ich einen Müttermythos im Kopf, der automatisch eine Verschiebung der Bedürfnispriorisierung zur Folge hat. Jetzt – mit Vereinbarkeit von Kinderbetreuung, HomeOffice mit variierenden ambulanten Terminen, Pandemie & Co – ist dieser Müttermythos unhaltbar und unmöglich umsetzbar, wirklich sinnvoll war er sicher auch ohne Pandemie schon nicht.

Solche Muster im Kopf lassen sich aber nicht einfach ausradieren. Vielmehr muss man sie langsam überschreiben. Ich werde also noch öfter aus einer Situation herausgehen und mir denken „warte mal… wieso bin ich jetzt so wütend? War meine Entscheidung falsch? Habe ich kontrolliert nachgegeben oder brodeln Körnchen Vorwürfe gemacht?“ Und wenn mich das schlechte Gewissen plagt, weil ich mich durchgesetzt habe, werde ich mich fragen müssen, ob mein Bedürfnis das Vorrangige war und ob ich Körnchen zugewandt durch den von mir verursachten Stress begleitet habe. Dazu möchte ich ein letztes Mal Nora Imlau zitieren:

Ich entschuldige mich dafür, gerade gegen ihren Willen zu handeln, und erklären ihnen, warum das trotz allem gerade notwendig ist. Ich bin bestimmt, aber nicht rabiat. Und vor allem bleibe ich in der Verantwortung, und gebe ihnen nicht die Schuld daran, dass gerade alles so anstrengend ist. Und das macht den ganzen Unterschied.

Nora Imlau. Mein Familienkompass S. 238

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