Autonomiephase ver- und durchstehen

Ich will nicht! Nein! Selber!

Kind hält sich die Augen zu

Autonomie. Wundervoll, nicht? Immerhin eines unserer wichtigsten elterlichen Anliegen: dem Kind dabei helfen, selbstständig zu werden. Gefühlt müssen wir dafür aber gar nicht wirklich viel tun, das Bestreben, autonom zu werden, scheint sich in einem gewissen Alter mit unglaublicher Kraft bahn zu brechen und überrollt Kind und Eltern.

Manchmal sitze ich neben meinem kleinen Körnchen, während er sich unfassbar darüber ärgert, dass er etwas noch nicht alleine kann, und begleite ihn durch seine Wut. Sein innerer Konflikt ist greifbar: ein evolutionäres Programm in ihm führt dazu, dass er sich etwas ablösen will und aus der abhängigen Rolle heraustreten will. Dieses Programm macht tatsächlich Sinn, musste sich doch in der Regel/der Vergangenheit ein 2-3 Jähriges Kind der Geburt eines weiteren Kindes anpassen. Also evolutionär betrachtet.

Gleichzeitig will das Kind in Beziehung bleiben, Zuneigung nicht durch Ablehnung der Hilfe oder Verweigerung der Kooperation verlieren. Das kann schon mal anstrengend werden. Und damit meine ich nicht für uns Eltern, obwohl das unbestreitbar der Fall ist. Ich meine damit für das Kind. Für das kleine Menschlein, überwältigt von einem inneren Drang, einer inneren Uhr sozusagen, und gefangen in hemmenden Umständen. Seien es die eigenen motorischen, kognitiven oder kommunikativen Fähigkeiten oder die von Eltern kontrollierten Rahmenbedingungen – der Frust ist derselbe.

Auf diesem Hintergrund ist vielleicht auch nachvollziehbar, warum es falsch ist von „trotzen“ zu sprechen. Denn Trotz ist ein bewusster, eigensinniger Widerstand. Es handelt sich dabei um ein Machtspiel, welches den Beigeschmack der Böswilligkeit mit sich bringt. „Das tut er zu Fleiß!“ – „Sie will nur testen, wie lange, bis ich nachgeben.“ und derartige Gedanken stören die elterliche Verbindung zum Kind und lassen den kindlichen Konflikt außer acht. Ein besseres Verständnis des kindlichen Konflikts ist vermutlich kein Allheilmittel. Es ist keine Strategie, die Zornanfälle kleiner Kinder verhindert oder unterbindet. Viel mehr ist das Wissen um die innere Uhr der Autonomie-Bestrebung, so hoffe ich, der Schlüssel zu mehr Geduld. Raus aus der Tyrannen-Falle, hin zu Mitgefühl und Akzeptanz.

Sie steigern sich nicht hinein, sondern finden nicht mehr heraus.

nach Susanne Mierau

Das Kleinkinder mit diesen überbordenden Gefühlen schlecht umgehen können und oftmals in der Emotion verharren, liegt daran, dass unser Gehirn nicht fix fertig vernetzt ist, wenn wir auf die Welt kommen. Es behält sich eine gewisse Flexibilität vor, um sich an die Anforderungen der Umwelt anzupassen. Eigentlich ziemlich schlau, betrachtet man die Vielfältigkeit unserer Lebenswelten. Hat in diesem spezielle Fall aber den Nachteil, dass Fähigkeiten wie Emotionsregulation und Impulskontrolle noch nicht ausgereift sind. Es ist unsere Aufgabe, sie dabei zu unterstützen, diese Fähigkeiten zu entwickeln und ihnen in der Zwischenzeit bei der Regulation zu helfen.

Ein Tipp, gehört von Katja Seide (gewünschtestes Wunschkind), um das Kind in diesen Momenten zu erreichen, ist das Spiegeln. Dabei nimmt man die gleiche Körperhaltung ein und wiederholt, was das Kind verlangt/schreit/einfordert. Denn für Erklärungen ist das Kind nicht zugänglich. Stattdessen signalisiert man, dass man verstanden hat, worum es geht, in dem man sich beispielsweise ebenfalls auf den Boden setzt, die Hände in die Luft wirft und „haaaabbbbeeennn wiilllll“ ruft. Jaaaa, ich weiß. Das klingt komisch. Fühlt sich auch komisch an, das verspreche ich euch. Aber was ich berichten kann: Körnchen beruhigt sich dadurch meist in einem ausreichenden Maße, so dass ich ihn trösten kann und wieder mit ihm in Kontakt komme.

Wer weitere Tipps zum Umgang mit dieser herausfordernden Zeit sucht, könnte im Buchtipp fündig werden. Schlafen, Aufräumen, Essen, Zähneputzen, sauber werden – Susanne Mierau beleuchtet diese Situationen und ihre innewohnenden Schwierigkeiten für Kind und Eltern und unterstützt mit Tipps und Mantren. Das Buch bietet nicht nur eine sehr nachvollziehbare und eingängige Erklärung für Grund und Zweck der Autonomiephase, es gibt dem Leser/der Leserin auch einen Leitfaden für schwierige Situationen an die Hand. Klare Leseempfehlung.

Buchtipp: ‚Ich.will.aber.nicht.‘*

von Susanne Mierau

*Bild und Titel sind mit einem sogenannten Affiliate Link unterlegt. Solltest du das Buch über diesen Link bestellen, unterstützt du damit diesen Blog, ohne das dadurch für dich Zusatzkosten entstehen. Ich danke dir.


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