„Du verwöhnst das Kind!“

Das habt ihr bestimmt alle schon mal gehört, stimmt’s? Ein absoluter Klassiker aus der letzten und vorletzten Elterngeneration. Unter den Top 3 mit “der tanzt dir später auf der Nase herum” und “Kinder brauchen Grenzen, sonst werden sie Tyrannen!”.

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Aber stimmt das überhaupt? Verwöhnen wir heute unsere Kinder, in dem wir gleich auf ihr Weinen reagieren, sie viel und gerne tragen, nicht in den Schlaf schreien lassen und dergleichen?

Ist es wirklich verkehrt und “verweichlichen” die Kinder, deren Mütter ihrem Instinkt vertrauen und sich jederzeit liebevoll ihrem Kind zuwenden, wenn es ihre Aufmerksamkeit einfordert? Ist das weinende Kleinkind auf dem Supermarktboden, dessen Mutter neben ihm sitzt und es mit ruhiger Stimme durch den Zorn begleitet, wirklich ein verzogenes Rotzgör und wird zum pubertären Tyrannen? Oder gar auf die falsche Bahn geraten?

Weit gefehlt. Viele dieser Unterstellungen willentlichen Handelns und Steuern von Babys und Kleinkindern, sind nicht mehr als das: Unterstellungen. Dazu sind sie noch gar nicht in der Lage. Und hat man diese Unterstellungen erst mal aus seiner Vorstellung verbannt, kann man sich auf das Eigentliche einlassen: Das bindungsorientierte Begleiten. Dieses Leitbild der Erziehung orientiert sich an den Bedürfnissen des Kindes und strebt sichere Bindung an. Denn diese dient dem Kind als Schlüssel zur Autonomieentwicklung und einem selbstbewussten Entdecken der Welt. Stets mit den primären Bindungspersonen als sicheren Hafen, in den man zurückkehren kann. Dieser Hafen werden wir, indem wir auf die Bedürfnisse unserer Kinder zeitnah und adäquat reagieren. Ohne Machtspiele. Denn kaum etwas könnte einem kleinen Kind ferner liegen als mit seinem Schreien Macht zu demonstrieren. “Die testet dich jetzt nur”, stichelt das Umfeld. Doch das weinende Baby testet nicht, ob es dich “in der Hand hat” und du fragst “wie hoch?”, wenn es sagt “spring”. Nein, es versucht sich den Menschen, der die absolut lebensnotwendige Versorgung garantiert, in seiner Nähe zu sichern. Und wenn dieser Mensch, in der Regel Mutter oder Vater, aber auch jede andere denkbare Bindungsperson, mit Nähe und Zuwendung auf dieses Schreien reagiert, die Sicherheit vermittelt, dass man gesehen und gehört wird, dann entsteht im Baby das Gefühl: Ich bin wichtig und ich werde umsorgt. Dieses Urvertrauen kann einen Menschen das ganze Leben lang tragen.

Das Bestreben junger Eltern ihrem Kind die beste Erziehung angedeihen zu lassen, hat in der Vergangenheit zu Ratgebern mit Checklisten, 6 Schritte-Programmen und ähnlichem geführt. Der dahinterstehende Wunsch nach einer Anleitung, wie Elternschaft gelingen kann, ist nur allzu verständlich und in vielen Bereichen ist Informieren und Rat oder Hilfe suchen sicherlich ratsam. Doch für die sichere Bindung braucht es kein kompliziertes Rezept. Es geht dabei nicht um Stillen oder Flasche, Tragetuch oder Kinderwagen, Gitterbett, Beistellbett oder Familienbett. Klassische Familienkonstellation, alleinerziehende Mutter, alleinerziehender Vater, zwei Mütter, zwei Väter – Familie in all ihren bunten Facetten. Das alles spielt keine nennenswerte Rolle. Was wirklich zählt ist Feinfühligkeit. Damit ist das Wahrnehmen und Erkennen frühkindlicher Signale sowie ein angemessenes Reagieren auf die dahinter liegenden Bedürfnisse (Nahrung, Nähe, Wärme, Stimulation, Reizreduktion, Schlaf etc.) gemeint. Feinfühligkeit ist der Schlüssel zur sicheren Bindung, welche wiederum eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung darstellt.

Verwöhnen ausdrücklich gewünscht 😉


Infobox „Kreis der Sicherheit“
Der Kreis der Sicherheit von Powell, Cooper, Hoffman und Marvin (2013) beschreibt, wie eine Bindungsperson als sicheren Basis dienen kann, die es dem Kind ermöglicht, zu explorieren und seine Umwelt zu erkunden. Eine solche Bindungsperson ermuntert das Kind, seinen Erkundungsdrang auszuleben, ohne es unter Druck zu setzen. Gleichzeit dient die Bindungsperson als sicherer Hafen, der Rückhalt und Rückversicherung anbietet, ohne überbehütend zu agieren. Die Rückversicherung kann in Form von Blickkontakt, Körperkontakt, Trösten und ähnlichem erfolgen. Die Haltung der Bindungsperson zeichnet sich in der Erkundungsphase durch eine schwebende, unaufdringliche Aufmerksamkeit aus.
Kreis der Sicherheit
Kreis der Sicherheit

Mehr zum Kreis der Sicherheit kann hier nachgelesen werden (*Werbelinks):

„Aufwachsen in Geborgenheit: Wie der Kreis der Sicherheit Bindung, emotionale Resilienz und den Forscherdrang ihres Kindes unterstützt“

Der Kreis der Sicherheit – die klinische Nutzung der Bindungstheorie“ (Fachliteratur)

1 Comments on “„Du verwöhnst das Kind!“”

  1. Pingback: Der eigene Weg | Mein Sternenstaubkorn

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