Muss mein Kleinkind teilen?

Wir Menschen sind soziale Wesen. Selten war uns das so bewusst wie jetzt, wo Abstand und Kontaktreduktion die Devise ist. Und auf das Leben in einer Gemeinschaft wollen wir unsere Kinder natürlich vorbereiten. Sie sollen Manieren haben, Bitte und Danke sagen, hilfsbereit sein und teilen. Teilen sie nicht und reißen ihre Spielsachen mit einem vehementen „Meins!“ aus den Händen eines anderen Kindes, fühlen wir uns plötzlich unwohl und machen uns Sorgen. Machen wir was falsch? Wird unser Kind so je Freunde finden? Und und und.

Dabei ist Teilen gar kein simples Konzept, wenn man mal darüber nachdenkt. Das eigene Bedürfnis muss zurückgestellt werden und man muss entweder auf etwas verzichten können (zb beim Essen teilen) oder warten können, bis man es zurückbekommt (beim Spielzeug teilen zb). Außerdem sollte auch noch bedacht werden, dass der Gegenüber durch die Ablehnung traurig oder wütend werden könnte. Impulskontrolle, Geduld, Empathie und eine gute Portion Altruismus wären also von Vorteil.

Aber für Babys und Kleinkinder ist es evolutionstheoretisch gar nicht sinnvoll zu teilen. Auch wenn das heute nicht mehr in der vollen Tragweite zutrifft, so ist es für unser inneres Programm immer noch Realität: es überlebt, wer sich die meisten Ressourcen sichert. Und nicht, wer seine Bedürfnisse hinten anstellt. Ein Zweijähriges ist weitestgehend darauf programmiert, seine Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen und sie laut und vehement einzufordern. Einer logischen Konsequenz folgend sind auch die mentalen Fähigkeiten, die es für diese Art der sozialen Interaktion benötigt, noch nicht sehr ausgeprägt. Empathie (siehe *Infobox Empathie) entwickelt sich in der Regel erst zwischen 4-5 Jahren als stabile Eigenschaft. Teilen ist also für ein zweijähriges Kind keine altersgerechte Anforderung. Hinzu kommt, dass Empathie und prosoziales Verhalten niemals kontextbefreit betrachtet werden können. Während das Kleinkind gern mit seiner Mutter und mehr oder weniger freiwillig mit bspw. seiner Cousine teilt, kann das mit dem fremden Kind auf dem Spielplatz natürlich ganz anders aussehen.

Und wenn wir mal ganz ehrlich mit uns sind, gilt gleiches doch auch für uns. Wir sind doch selbst nicht ständig prosozial und altruistisch. Und wir teilen auch nicht einfach so unseren heißen Kaffee oder den Roman, den wir uns mit auf den Spielplatz genommen haben. Und wenn mir beim Zugfahren einfach eine fremde Person mein Tablet aus der Hand reißen würde, weil derjenige das jetzt haben mag, wäre ich auch nicht begeistert. Je nach Gemütszustand teile ich nicht mal gern mein Essen, wie ein Tweet vom 10.10.2020 beweist 🙂

Was tun?

Was also können wir tun, um dem Kind das Teilen zu erleichtern und wie kann man mit Konflikten umgehen? In der Natur der Sache liegt, dass soziale Fähigkeiten durch Austausch und Interaktion mit anderen Menschen entstehen und reifen. Unser Vorbild wird es sein, dass das Kind maßgeblich prägt und unser Verhalten wird es ein Stück weit nachahmen. Wenn wir Danke sagen, wird das Kind ebenfalls Danke sagen. Wenn wir teilen, wird es auch teilen. Und wenn wir diese Handlung in unterschiedlichen Situationen benennen, wird in dem Kind ein Verständnis heranwachsen, was mit dem Konzept „teilen“ gemeint ist. War das Teilen bereits in der Familie ein präsentes Thema, dann kommt nicht plötzlich aus heiterem Himmel auf dem Spielplatz die Aufforderung: „Aber aber mein Schatz, wir wollen doch teilen!“

Ganz konkrete meine ich damit, dass man einfach dazu sagen könnte, dass man natürlich gerne teilt, wenn das Kind mal abbeißen mag. Oder, wenn man das Kind bittet, mal von der Brezel beißen zu dürfen, dann bedankt man sich und erklärt, dass man sich darüber freut, dass das Kind eben geteilt hat. Dem Kind dabei helfen, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was seine Handlungen in anderen auslösen. Das gleiche gilt auch für die Interaktion mit anderen Kindern. Solange nicht getreten, geschlagen oder gebissen wird, darf man als Eltern auch gerne mal beobachten, wie die Kinder einen Konflikt um bspw. Spielzeug allein lösen. Auch davon werden sie ungemein profitieren. Das heißt nicht, dass man dann nicht trösten darf und auch nicht, dass man im Anschluss an die Situation seinem Kind nicht erklären darf, was eben passiert ist. Aber ein wenig Zurückhaltung, nicht gleich dazuspringen und den Konflikt stellvertretend lösen, kann für beide Kinder sehr bereichernd sein.

Und wenn es doch zu körperlich wird und es darum geht, dass der Gegenüber geschützt werden muss, dann ist Klarheit das oberste Gebot. Kein abstraktes „man haut nicht“ oder „wir beißen doch nicht, um etwas zu bekommen“. Zum einen ist das abstrakte „man“ noch nicht klar greifbar für Kleinkinder, zum anderen haben sie Verständnisschwierigkeiten mit Negationen. Das „nicht“ geht oftmals unter. Lieber auf positive Formulierungen zurückgreifen oder mit großer Klarheit besprechen. Ein klares „Stop“ zeigt eine eindeutige Grenze auf.

Trickkiste für zuhause

Kleinkinder haben noch kein konkretes Verständnis von Besitz und Eigentum. Und bitte fragt mich jetzt nicht, was genau der Unterschied ist 🙂 Jedoch entwickelt sich auch dieses Verständnis mit der Zeit, ebenso wie ihnen manche Gegenstände sehr an Herz wachsen und sehr sehr wichtig werden. Logischerweise will der Lieblingsteddy, den man einfach IMMER bei sich hat, nicht geteilt werden. Es löst furchtbaren Herzschmerz aus, wenn einem dieser genommen wird. Wenn das eigene Kind die größten Schwierigkeiten mit Teilen daheim hat, dann kann eine Gästekiste eine Lösung sein. Gemeinsam mit dem Kind werden Spielsachen ausgesucht, die das Gästekind ebenfalls benutzen darf, während besondere Spielsachen oder Stofftiere in Sicherheit gebracht werden und vielleicht ausnahmsweise im Elternbett warten dürfen.

Bitte hier dann nicht direkt erwarten, dass das Kleinkind sich an die Abmachung hält und brav die Sachen aus der Gästekiste teilt. Es ist ein Angebot an das Kind, seine Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihm gleichzeitig dabei zu helfen, auch die Bedürfnisse des Gästekindes zu berücksichtigen. Es ist ein Angebot zu lernen und neue Erfahrungen im sozialen Gefüge zu machen. Mit unserer zugewandten Begleitung gelingt es unseren Kindern sicherlich immer besser, sich zu bedanken, sich zu entschuldigen oder eben zu teilen.

*Infobox Empathieentwicklung
Sozial-kognitive Fähigkeiten entwickeln sich im Austausch mit anderen Menschen, allen voran in der Beziehung mit den engen Bindungspersonen. Durch die Interaktion erwerben Kinder die Fähigkeit mimische Affekte zu differenzieren, eine unentbehrliche Basis für empathisches Einfühlen. Um sich in andere hineinversetzen zu können, müssen Kleinkinder erst einmal zu der Erkenntnis kommen, dass sie sich von anderen Menschen unterscheiden. Sie entdecken um den zweiten Geburtstag herum, dass Menschen sich hinsichtlich ihrer Gefühle und Handlungen unterscheiden und lernen durch den regen Austausch mit anderen Menschen, welche Gedanken, Gefühle und Handlungen wie zusammengehören können. Dadurch entstehen erste Annahmen über die Bewusstseinsvorgänge im Gegenüber – die Theory of mind. Das ist ein komplexes und stetig wachsende Netzwerk aus Gedanken, Handlungen, Gefühlen, Überzeugungen, Erwartungen usw. „Wenn Person X dies und jenes tut, dann weil sie wahrscheinlich gerade dies und jenes fühlt.“ Diese Fähigkeit ermöglicht Empathie und entwickelt sich ca. ab dem 5. Lebensjahr.
Infobox zur Empathieentwicklung (zusammengefasst aus Ahnert, 2010 und Bischof-Köhler, 2010)

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