Ausdruckslos

Wie sich fehlende Mimik auf die kindliche Entwicklung auswirkt

Still Face Experiment

von Dr. Edward Tronick

Für das Video zum Experiment hier oder auf das Foto klicken.

Ist eine wichtige Bezugsperson bereits in frühen Phasen der kindlichen Entwicklung nicht in der Lage, mit einem Baby in Interaktion zu treten und seine Gefühle zu spiegeln, hat das gravierende Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. Das reine Funktionieren als Mutter oder Vater, ein ausdrucksloses oder abgewandtes Beschäftigen mit dem Kind, Beschränkung der Interaktion auf wickeln, füttern, anziehen und ähnliches – derlei Handlungen können zu depressiven Interaktionsmustern bei Säuglingen und Kleinkindern führen. Zurückgezogene, distanzierte und resignierende Babys, die auch im Kontakt mit anderen Personen kein Lächeln oder eine andere mimische Reaktion zeigen, können die Folge sein. Wiederholt fehlgeschlagene Bemühungen um die Aufmerksamkeit der Bezugsperson können zu unruhig, dysregulierten Reaktionen oder passiv-defensiven Haltungen führen. Langfristig sind Entwicklungsverzögerungen bis ins Schulalter möglich.

Wie groß der Stress ist, den Babys und Kleinkinder erleben, die sich um die Aufmerksamkeit der Mutter bemühen, deren mimischer Affekt sich aber nicht ändert und maskenartig bleibt, zeigt das Still-Face-Experiment von Dr. Edward Tronick. Nach einer Eingangsphase, in der die Mutter wie gewohnt mit dem Kind interagiert, lächelt, redet und beruhigt, stoppt sie sämtliche Interaktionen und sitzt mit versteinerte Miene vor ihrem Kind. Nach kurzer Irritation versucht das Baby mit einer Reihe von Handlungen (Lachen, Zeigen, Weinen, Schreien) die Mutter zu einer Reaktion zu bewegen. Der Stressanstieg ist in den Videos zum Experiment eindeutig erkennbar. Gegen Ende des Experiments zieht sich das Baby in sich zurück und ergibt sich hoffnungslos der Situation.

Nach der Still-Face-Einheit wandten sich die Mütter wieder liebevoll ihren Kindern zu, bei denen große Erleichterung und Freude zu spüren war. Langfristige Folgen dieses einmaligen Entzugs mütterlicher Mimik sind nicht zu erwarten. Ist ein Baby einer solchen Ausdruckslosigkeit und Reaktionsarmut dauerhaft ausgesetzt, kann das Verhalten, das die Babys am Ende des Experiments gezeigt haben, ein erlerntes Muster werden und das Kind fortan begleiten.

Kurze Anmerkung meinerseits: auch wenn in dieser Studie Mütter getestet wurden, gilt dies selbstverständlich auch für Väter/männliche Bezugspersonen.

Ursachen

Oftmals liegt dem gestörten mimischen Ausdruck und der mangelnden Aufmerksamkeit eine psychische Erkrankung, meist eine affektive Störung wie beispielsweise die (Wochenbett)Depression, zugrunde. Traumafolgestörungen können ebenfalls eine expressive Veränderung nach sich ziehen.

Aber auch die exzessive Smartphone-Nutzung kann eine Gefahr darstellen, wenn kindliche Bemühungen um Reaktionen der Bezugsperson ins Leere laufen und das Kind lernt, nicht wichtig genug zu sein, weil es immer etwas wichtigeres gibt. Fehlgeleitete Schutzbestrebungen, man könne das zweite Kind vor der Eifersucht des ersten Kindes bewahren, wenn man weniger interagiert, schaden nicht nur dem Baby sondern langfristig auch dem größeren Geschwisterkind.

Chancen

Die Liste der Ursachen ist noch um einiges erweiterbar und maßt sich keine Vollständigkeit an. Es geht mir hier auch mehr um ein Wachrütteln, ein Aufmerksam-machen! Denn nichts ist in steingemeißelt. Die zugewandte Interaktion sowie eine adäquate Reaktion auf die Bedürfnisse des Kindes sind essentiell für die kindliche Entwicklung sowie das Entstehen einer sicheren Bindung. Depressive Ausdruckslosigkeit und Abwesenheit der Aufmerksamkeit gefährden die kindliche Entwicklung sehr. Hierbei geht es nicht um die Debatte „Tragetuch oder Kinderwagen“ – „Stillen oder Flasche?“ – „Familienbett oder eigenes Bett im Kinderzimmer“ – all das ist nebensächlich, wenn existenzielle Bedürfnisse, wie das Bedürfnis nach Nähe und Kontakt, nicht erfüllt werden. Psychische Erkrankungen können man mit Psychotherapie bearbeitet werden. Bindungsanalysen, emotionelle erste Hilfe und ähnliche Angebote können mit Mutter/Vater und Baby an der Bindung arbeiten. Bindungsmuster sind veränderbar. Über Körpertherapien oder angeleitete Babymassagen können andere Wege der Interaktion erprobt werden, Bindung über Hautkontakt gefestigt werden und Eltern ihre Kinder besser kennen lernen.

Es ist nie zu spät und nichts verloren!

Ihr seid besorgt um euch, euren Partner/eure Partnerin und/oder euer Kind? Dann fragt nach und holt euch Hilfe. Fragt euer Hebamme, eure/n Kinderarzt/ärztin, eure/n Hausartz/ärztin. Wendet euch an ein Angebot der frühen Hilfen in eurer Region oder an eine Familienberatungsstelle.


Quellen:

Masterthesis von Michèle Liussi zur Postpartalen Depression und

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