Mama, nicht schreien!

Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und starken Gefühlen

Buchrezension mit Audiokommentar

Ein verführerischer Titel, nicht? Liebevoll bleiben. Genau das, was Eltern brauchen, genau das, was sie sich so oft wünschen – Notfallhilfe für die stressigen Momente. Die Momente, in denen der Geduldsfaden reißt, das Faß überläuft, die Uhr Zwölf schlägt und einfach alles Zuviel wird. Wenn diese kleinen Menschen uns in den Wahnsinn treiben. Denn das kommt vor. Das gehört dazu.

Der Titel hat auch mich zum Lesen verführt. Denn wie viele Mamis war auch ich auf der Suche nach Strategien, die mir in diesen Momenten helfen können. Ich will nämlich nicht schreien oder laut werden. Will unser liebevolles, zugewandtes Miteinander nicht durch explosionsartige Wut unterbrechen, will nicht aus meiner Haut fahren. Es bereitet mir keine Freude, im Gegenteil, hinterher fühle ich mich schlecht und bereue zutiefst, dass ich mich wieder mal im Ton vergriffen habe.

Ob ich fündig geworden bin?

Was euch bestimmt am meisten interessiert, ist die Antwort auf die Frage: „Ist es wirklich die versprochene Notfallhilfe? Ist darin der EINE Weg beschrieben, wie ich cool bleibe und mein Kind nicht mehr anschreie? Gibt es einen Schalter, den ich umlegen kann? Oder etwas, womit ich das Verhalten meines Kindes ändern kann, damit ich gar nicht mehr wütend werden muss?!“ Das alles muss ich verneinen. Besonders das Letzte. Denn der Fokus des Buches liegt beim Leser/bei der Leserin, nicht beim Verhalten des Kindes. Wer sich einen Erziehungsratgeber für ruhige, angepasste, nicht provozierende Kinder gewünscht hat, muss weitersuchen (oder von dieser Vorstellung ablassen). Was den erhofften Schalter angeht, der umgelegt werden kann, damit sich Mama Hulk zurück in Dr. Banner verwandelt, nun auch den haben diese beiden Autorinnen nicht gefunden (mehr zum trotzdem sehr hilfreichen Notfallprogramm im Audiokommentar*). Aber sie beschreiben einen Prozess, den man durchlaufen kann, so man denn will, an dessen Ende die (Wieder-)Entdeckung des eigenen Wollens, gelingende Beziehungen und innere Balance stehen können. Dieser Weg ist alles andere als einfach. Aber es ist ein guter und vor allem lohnenswerter Weg.

„Mein Körnchen Wahrheit“ Folge 1: Audiokommentar* zum Notfallprogramm CIA der Autorinnen

Stationen auf diesem Weg

Mit alltagsnahen Beispielen und kleinen, leicht umzusetzenden Übungen begleiten Jeannine und Sandra die Lesenden auf dem Weg zum eigenen Wollen, zum authentischen Erwachsenen und Elternteil. Sie helfen dabei, sich selbst besser kennenzulernen und genau in sich hineinzuhorchen. Was macht dich ein ums andere Mal so wütend, dass du nicht an dich halten kannst und los schreist? Werden dabei deine Grenzen übertreten? Kennen die anderen deine Grenzen überhaupt? Kennst du sie denn? Wenn ja, wie kommunizierst du sie? Wie sprichst du generell mit deinen Mitmenschen, insbesondere mit deinem Kind? Von oben herab oder auf Augenhöhe? Bist du dabei bei dir? Authentisch? Oder folgst du angelernten Mustern? Prägen alte Wunden und Traumata dein Verhalten, deinen Umgang mit Kind oder Partner? Hast du dich von deinen Eltern schon vollständig losgelöst oder tanzt ihr noch einen uralten Tanz? Wusstest du, dass dein Körper auf Stressoren reagiert, wie auf eine reale Lebensgefahr, obwohl du gar nicht wirklich in Gefahr bist? (Mehr dazu im Beispiel im Audiokommentar*)

Das sind nur ein paar der Fragen, die die Autorinnen im Verlauf des Buches aufwerfen. Aber sie lassen einen mit diesen Fragen nicht allein, nein. Sie geben einem das Werkzeug an die Hand, diese Fragen für sich zu beantworten, um wiederum mit den Antworten zu wachsen. Dieses Wachstum kann dann in weitere Folge nicht nur zu einem liebevollen Umgang mit den eigenen Kindern führen, es versöhnt die lesende Person auch mit seiner eigenen Vergangenheit und seinem Selbst. Den Autorinnen und auch meiner Ansicht nach die Basis für gelingende Beziehungen, ob es nun die Beziehung zu den Kindern oder die Beziehung zum Partner ist.

All dies kann dieses Buch, ohne übertreiben zu wollen, leisten. Aber dafür braucht man eine wirklich große Portion Mut und den unbedingten Willen, an sich zu arbeiten. Denn die Autorinnen legen einem keine Lösungen in den Schoß. Nicht umsonst empfehlen sie Mantren wie „Ich habe Mut, mich selbst zu verändern“ und „Ich übernehme Verantwortung.“ Die Übungen mit den Mantren, gerne überall in der Wohnung auf Post-Its verteilt, gefällt mir persönlich sehr gut. Die ständige Selbsterinnerung ist eine bewährte Selbstmanagement-Strategie und wurde von mir früher schon für andere Zwecke angewandt. Andere Übungen, wie beispielsweise die Familienaufstellung mit Kärtchen (aus der systemischen Familientherapie), empfehlen sich meiner Ansicht nach eher unter Anleitung einer geschulten Fachkraft, wie ein/e Systemische/r BeraterIn oder PsychotherapeutIn. Das raten auch die Autorinnen an verschiedenen Stellen im Buch mehrfach, da ihnen bewusst ist, was diese Übungen auslösen können.

Die Ja-Beziehung

Zum Abschluss möchte ich einen Aspekt besonders hervorheben, weil er mich seit dem Lesen des Buches besonders begleitet. Die Ja-Beziehung. Eine Erweiterung der Ja-Umgebung, die vorsieht, eine Umgebung zu schaffen, in der ein Kleinkind sicher explorieren kann, ohne durch andauernde „Nein`s“ oder Gefahren daran gehindert zu werden. Die Ja-Beziehung erweitert die Umgebung um das Wollen der in Beziehung stehenden Menschen. Ja zu den Bedürfnissen des Kindes, ja zu meinem und seinem Wollen. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen einem „Nein!“ und einem „Ja, ich höre deinen Wunsch. Ich kann ihn nur jetzt gerade nicht erfüllen.“ Ein persönliches Beispiel dazu:

Wenn das Körnchen im Auto müde wird höre ich plötzlich von der Rückbank: „Mama, kuscheln“. Leider kann ich bei 100 km/h auf der Autobahn nicht mal eben kuscheln. Auch spontan anhalten ist keine Option. Daher lautete meine Antwort bisher: „Nein, das geht jetzt leider nicht, Körnchen. Ich fahre Auto.“ Oft hatte dies Tränen zur Folge und eine traurige Mama hinter dem Lenkrad. Nachdem ich das Kapitel über die Ja-Beziehung gelesen hatte, formulierte ich um: „Ja, Körnchen, kuscheln wäre jetzt toll. Wir kuscheln, sobald ich stehen bleiben kann, versprochen.“

Ebenso wie die wertvollen Anreize der Autorinnen „Sprich von dir“ statt „Was hast DU jetzt wieder gemacht“ oder „das tut MAN nicht“ ist auch die Ja-Beziehung oberflächlich betrachtet eine Nuance der Sprache. Eine feine, rhetorische Spielerei. Doch es ist vielmehr. Besser gesagt, es vermag viel mehr. Es vermag es, eine innere Haltung zu werden, die eure Beziehung trägt. Eine authentische Mutter, die um ihr Wollen weiß und davon spricht, begleitet ein Kind, dass zu seinem eigenen Wollen finden und davon sprechen darf. Und das, so meine ich, lohnt die Mühe wirklich.

Audiokommentar zum Notfallprogramm CIA

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