Ein Stachelschwein umarmen…

…oder mein Umgang mit Zorn

Das kleine, wütende Sternenstaubkorn

Ich kann es selbst kaum glauben, das kleine Sternenstaubkorn hat heute Nacht durchgeschlafen – der Wahnsinn 😀 ich selbst war zwar zweimal wach, weil es meinem Unterbewusstsein wohl komisch vorkam, dass sich neben mir nichts rührt, aber das war nicht weiter schlimm und tat meiner guten Laune auch keinen Abbruch.

Was mir dann aber nach und nach die Laune verdorben, war die schlechte Laune meines Sohnes und den gefühlt viertelstündlichen Zornanfällen, wegen nichts und wieder nichts. Und jetzt ist es gerade mal mittags! Deswegen habe ich beschlossen, seinen Mittagschlaf dafür zu verwenden, mir etwas Luft zu verschaffen und über meinen Umgang mit seinem Zorn zu reflektieren.

Wegen nichts und wieder nichts?

Vielleicht hat sich das jetzt schon der ein oder die andere gedacht: es ist doch sicher nicht nichts und wieder nichts. Natürlich ist das meine Sicht als Erwachsene – ich kann nicht immer nachvollziehen, wieso wir jeden Morgen fein miteinander Zähneputzen und er mir heute die Zahnbürste vor die Füße wirft. Oder warum sonst Butter auf seine Brezel darf und heute nicht. Und da er es mir auch noch nicht wirklich erklären kann bzw. mich nicht vorher informiert, wirft er sich schwerst erzürnt, angesichts meiner Missachtung seiner Wünsche, auf den Boden und schreit. Manchmal kollidieren natürlich auch seine Wünsche und Ideen mit meiner Pflicht, ihn zu beschützen und für sein Wohlergehen zu sorgen. Die Zornausbrüche sind so oder so heftig.

Für mich selbst habe ich aktuell/inzwischen drei verschiedene Situationen ausgemacht, die meinen Umgang mit seinem Zorn beeinflussen. Denn, wie immer, gibt es nicht DEN einen Weg. Die erste Situation betrifft Momente, in denen ich unachtsam mit meinem Sohn war und er zornig wird, weil ich ihn und seine Wünsche oder Bedürfnisse nicht wahr oder ernst genommen habe. Das zweite sind Umstände, die ein Verbot von mir erfordern, da er mir schutzbefohlen ist. Darunter fällt auch das Wegnehmen potenziell gefährlicher Dinge. Und als drittes, das ist allerdings recht neu, möchte ich den Umgang mit anderen, meist gleichaltrigen Kindern nennen. Hier kann ich seit neustem beobachten, dass der kleine Bub zornig wird, wenn ihm etwas weggenommen wird oder er etwas haben will. Dieses Verhalten erfordert, meiner Ansicht nach, wieder einen anderen Umgang mit dem geäußerten Zorn, da hier ein weiteres kleines Menschlein involviert ist, dass sich selbst noch nicht in vollem Umfang helfen und verteidigen kann. Schauen wir uns diese drei Begebenheiten genauer an.

Achtsamkeit

Die erste Strategie gegen Zorn ist, durch achtsamen Umgang gar nicht erst Frustration aufkommen zu lassen. In meiner Kindheit hätte man das „an den Arsch na richten“ (verwöhnen) genannt – aber das ist es nicht was ich meine. Ich meine damit ganz einfach, dass die Wünsche unserer Kinder genauso viel wert sein sollten, wie unsere eigenen. Dazu habe ich vor einer Weile eine Geschichte gelesen, die das überspitzt veranschaulicht:

Eine Frau läuft an einem Schaufenster vorbei und verliebt sich in den blauen Pullover, den die Schaufensterpuppe trägt. Sie betritt das Geschäft und fragt den Verkäufer nach besagtem blauen Pulli. Der Verkäufer führt sie zum entsprechenden Regal, reicht ihr den Pullover in grün, sagt „Bitteschön“ und dreht sich weg. Irritiert hält die Frau den grünen Pullover in ihrer Hand, dann sagt sie zum Verkäufer: „Ich wollte den Pullover doch in blau.“ Und dieser antwortet, unaufmerksam: „Ist doch egal, ist derselbe Pullover.“ Die Dreistigkeit erzürnt die Frau.

Wir sind uns natürlich einig, dass der Verkäufer dort nicht lange arbeitet 🙂 Und wir können alle die Reaktion der Frau nachvollziehen. Wir wollen nicht, dass man so unachtsam mit uns umgeht. Weil wir manchmal eben lieber den blauen Pullover tragen wollen, lieber aus der Teetasse mit den Schneeflocken trinken wollen, heute lieber kein Fleisch essen mögen. Ich will nicht zu meinem Mann sagen „Bringst du mir bitte Schokolade mit?“ und mir dann anhören „Ist auch was süßes!“ wenn er mir Gummibärchen in die Hand drückt. Und wenn der mal nicht versteht, warum auch die kleinen Dinge wichtig sind, muss ich ihn nur darauf aufmerksam machen, dass der Kaffee aus jeder Tasse gleich schmeckt und er trotzdem immer die gleiche Tasse haben will. Und wehe ich vergesse das oder die Tasse ist im Geschirrspüler! Ich denke, soweit ist klar geworden, worauf ich hinaus will 🙂

Achtsamkeit im Alltag

Wo immer möglich, versuche ich mein kleines Staubkorn nach seinen Wünschen zu fragen. Lästige Dinge, wie Zähneputzen, rufen durch Wahlmöglichkeiten weniger Widerstand hervor. Sie ermöglichen es dem Kind, die ihm auferlegte Situation mitzugestalten. Mein Sohn darf sich jedes Mal zum Zähneputzen aussuchen, welche seiner drei Zahnbürsten (grün, blau und pink) er verwenden will. Es wechselt beinahe täglich! Bunt zu leben macht einfach mehr Spaß 😀 Und wir haben kaum Drama beim Zähneputzen! Ebenso beim Ankleiden. Die meiste Zeit ist es ihm egal und ich kann einfach aussuchen, aber manchmal ruft er laut „ANDERE!!!“ und das respektiere ich auch. Gemeinsam watscheln wir zur dann Schublade und suchen etwas anderes aus.

Gedanken wie *ich verwöhne das Kind* oder *er tanzt mir auf der Nase herum* haben keinen Platz in unserem Alltag. Ein Kind zu erziehen, welches seine Wünsche zum Ausdruck bringen kann und darf und sich dadurch zu einem willensstarken und sich selbst bewussten Jugendlichen/Erwachsenen heranwächst, ist eine herausfordernde und lohnenswerte Aufgabe und kein Verwöhnen. Das muss man sich nur immer wieder, wenn es mal schwieriger wird, vor Augen halten und am Besten wie eine Beruhigungsformel vor sich hin murmeln, um Ruhe zu bewahren, wenn das schreiende Kind auf dem Boden liegt.

Den Zorn aushalten

Leider lässt sich der Zorn nicht immer abwenden. Manchmal ist die Stimmung bereits so angeschlagen (hier kommt dann wieder das Mama-Mantra „Zähne, Entwicklungssprung, Pups“ begleitet von einem Schulterzucken als Erklärung zum Einsatz), dass eine kleine Unachtsamkeit reicht und das kleine Staubkorn liegt schreiend am Boden. Oder ich musste ihm etwas verbieten oder wegnehmen, weil es ihm schadet. Dann liegt er da und es gibt kein Durchkommen – der Zorn verschluckt ihn und da er noch nicht gelernt hat, so starke Emotionen zu regulieren, ist er ihm ausgeliefert. Und auch für uns Erwachsene ist es richtig schwer, mit diesen Gefühlsausbrüchen umzugehen. Entweder leiden wir mit, fühlen uns hilflos, weil wir nicht helfen können, oder sind genervt, weil wir das doch schon 100 Mal gesagt haben oder wir schämen uns gerade in Grund und Boden, weil unser Kind auf dem Supermarktboden liegt.

Für mich ist hier Aushalten der Schlüssel, etwas, dass ich lernen musste. Meine Rolle beschränkt sich bei seinen Zornausbrüchen auf schützen und Raum geben. Ich versuche meinem Sohn den Raum für seine Emotionen zu bieten und sie für ihn zu benennen. Auch wenn ich vielleicht in dieser einen Situation nicht mehr tun kann, als mich neben ihn zu setzen und „herrje, dass ärgert dich jetzt aber richtig!“ zu sagen, so helfe ich ihm langfristig beim Erlernen der Emotionsregulation. Und nebenbei achte ich noch darauf, dass sein kleines Köpfchen nicht ungebremst auf den Boden oder sonstige Hindernisse kracht. Bis auf kurze, schützende Eingriffe vermeide ich den Körperkontakt zu ihm, bis er selbst die Umarmung sucht. Denn wenn er soweit ist, kommt er immer angekuschelt und lässt sich von mir trösten. Was ich jetzt noch lernen muss ist, ihm diesen Raum auch in der Öffentlichkeit zu geben, statt ihn unter den Arm zu packen und wegzutragen, nur weil es unangenehm und laut ist. Denn eigentlich gibt es überhaupt gar nichts, wofür man sich in dieser Situation schämen muss. Hier habe ich noch etwas Wachstum vor mir.

Zorn gegenüber anderen Kindern

Mir persönlich ist es furchtbar unangenehm, wenn mein Sohn anderen Kindern etwas wegnimmt. Ich muss mich dann wirklich zusammenreißen, dass ich mich nicht sofort einmische. Sicherlich muss ich hier auch meine eigene Erziehung mitbedenken, denn ich bin sehr sehr höflich und angepasst erzogen worden. Allerdings ist mir klar, dass ich im Sinne der Erziehung hin zur Selbstständigkeit nicht dauernd eingreifen darf. Nimmt mein Sohn anderen die Sachen weg, ist es ratsam erst einmal abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt und ihn seine eigenen Erfahrungen im Umgang mit anderen Kindern machen zu lassen. Hinter seinem Verhalten, wie bspw dem Wegnehmen, steckt in seinem Alter noch kein absichtsvolles, böses Handeln, sondern ein reines Bedürfnis. „Ich will das jetzt haben – Punkt Aus!“ Wird der Streit zwischen den Kindern zu heftig und man beschließt sich doch einzumischen, ist es wichtig, wie oben beim Zorn aushalten, die vorherrschenden Gefühle und Bedürfnisse zu benennen. Da es sich um eine Chance der sozialen Entwicklung handelt, sollten hier die Gefühle beider Kinder benannt werden. Da Kinder in den ersten Lebensjahre die Fähigkeit der Perspektivenübernahme noch nicht besitzen, sich also nicht in den Gegenüber hineinversetzen können, fungieren wir Eltern hier als Übersetzer.

Hier kommt es natürlich aber auch auf die anderen Mütter an. Ein Austausch darüber, wie mit Streit der Kinder umgegangen werden soll, ist nicht nur hilfreich, sondern schützt auch die Freundschaft zur anderen Mami. Und, etwas das ich generell für super wichtig erachte: immer den Entwicklungsstand des Kindes mitbedenken. Von einem zweijährigen Kind kann kein emphatisches Verhalten verlangt werden, die kognitive Entwicklung ist noch nicht soweit. Ebenso ist es unsinnig von Kindern in diesem Alter eine Entschuldigung einzufordern. Sie empfinden ja noch nicht mal Schuld. Scham, Schuld und Stolz entwicklen sich ca. mit 3 Jahren, die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme ist meist mit 6 Jahren gut ausgebildet. Alles mit seiner Zeit 🙂

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