Wenn das lang ersehnte Glück ausbleibt…

Alexandra Hayan

Wochenbettdepression

Monate lang hat frau sich vorbereitet. Kleine Bodys und Strampler gekauft, ein kleines Bettchen aufgebaut, vielleicht kleine Wolken ins Kinderzimmer gemalt. Die Hände ruhten bei jeder Gelegenheit schützend auf dem immer größer werdenden Bauch und ein Schluckauf oder ein kleiner Tritt im Inneren löste pure Freude aus.

Und dann war es endlich soweit: das kleine Würmchen kam zu Welt. Um das Krankenhausbett herum strahlende Gesichter. Aber man selbst wusste noch nicht so ganz, wohin mit den Gefühlen… die Trennung schmerzte doch mehr, als erwartet, und die Tränen flossen. Viele Mütter fühlen sich dann schuldig und Gedanken wie ‚Ich sollte mich doch freuen‚ oder ‚was stimmt nicht mit mir, wieso bin ich nicht glücklich?‚ drehen sich im Kopf im Kreis.

Wichtig ist es, zu wissen, dass dieses Gefühlschaos in den ersten Tagen nach der Geburt komplett normal ist. Bis zu 80% der Frauen [Quelle 1] erleben in der ersten Woche nach Entbindung den sogenannten Baby Blues. Diese ‚Heultage‘ sind auf die hormonelle Umstellung im weiblichen Körper zurückzuführen und vergehen von ganz allein. Was aber, wenn nicht?

Woran erkennt man die Wochenbettdepression?

Bei ca. 15% der Mütter [Quelle 2] geht der Baby Blues schleichend in die postpartale Depression über. Sie ist gekennzeichnet von Antriebslosigkeit, gedrückter Stimmung und Freudlosigkeit. Häufig kommt es auch zu ausgeprägten Schuldgefühlen, Schlafstörungen, vermindertem Selbstwertgefühl und auch Suizidgedanken. Diese Symptome treten im ersten Jahr nach der Geburt und mindestens über einen Zeitraum von zwei Wochen hinweg auf.

Oft berichten Mütter und/oder Väter auch davon, dass den Müttern die Interaktion mit dem Baby schwer fällt und die Mimik emotionslos ist. Vermehrtest Weinen, hohes Bedürfnis nach Rückzug, Schlaf und Ruhe können auftreten. Oftmals reißt das Gedankenkarussell nicht ab, da frau sich das alles anders vorgestellt hat. Nach außen hin wird jedoch oft eine Fassade der Mutterfreuden aufrecht erhalten.

Überblick der Kennzeichen

  • Dauer der Symptome über 2 Wochen
  • Auftreten der Symptome im ersten Jahr nach Geburt
  • depressive Anzeichen wie Antriebslosigkeit, Traurigkeit, Schuldgefühle, Gefühl der Leere, Erschöpfung/Müdigkeit, Appetitlosigkeit
  • möglicherweise zusätzlich: Einschlafschwierigkeiten, Angstzustände, Panikattacken, Zwänge, sozialer Rückzug, Selbstmordgedanken

Du findest dich oder eine nahe stehende Person in diesen Kennzeichen wieder?

Der Schweizer Verein Postnatale Depression stellt die Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale (kurz EPDS) zum Selbsttest zur Verfügung. In Deutschland werden Informationen und Selbsttests vom Verein Schatten & Licht e.V. angeboten. Dieser Test besteht aus 10 Fragen zum Befinden der letzten Tage und Wochen, ist schnell selbst ausgewertet und gibt mit dem erreichten Wert einen Hinweis darauf, ob eine weitere Abklärung ratsam ist.

Ursachen/Risikofaktoren

Selten gibt es bei psychischen Erkrankungen DIE eine Ursache. In der Regel ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren. Die folgende Liste stellt einige mögliche Aspekte, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, dar.

  • Traumatische Erlebnisse im Schwangerschafts- oder Geburtsverlauf
  • hormonelle Veränderungen
  • Schwierigkeiten in der Partnerschaft/Ehe
  • Regulationsstörungen des Babys (z.B. Schreibaby)
  • psychische Vorerkrankungen (häufig Depression oder Angsterkrankungen)
  • soziale Isolation/mangelnde soziale Unterstützung
  • finanzielle Schwierigkeiten
  • überhöhter Leistungsanspruch/Perfektionismus der Mutter

Allerdings sollten immer auch organische Ursachen, wie beispielsweise ein schwerer Eisenmangel oder Schilddrüsendysfunktionen, überprüft werden.

Besondere Problematik

Zu lange unbehandelt birgt die Wochenbettdepression Risiken für die Bindung zum Kind und die frühkindliche Entwicklung. Das liegt zum Teil darin begründet, dass es einer depressiven Person schwer fällt, adäquat auf die Bedürfnisse und Emotionen eines Säuglings zu reagieren. Eine angemessene Reaktion meint hier nicht nur das Funktionieren als Versorgerin, sondern auch die passende mimische Rückmeldung und eine liebevolle Zuwendung. Eine frühzeitige Abklärung und Hilfesuche ist daher für den ganzen Familienverbund wichtig.

Wer hilft?

Die erste Anlaufstelle bei Sorgen rund um die Mutterschaft sowie bei einem Verdacht auf Wochenbettdepression ist meist der Gynäkologe/die Gynäkologin sowie die Hebamme. Von dort kann in der Regel direkt an eine psychotherapeutische Betreuung weitervermittelt werden.

In manchen Bundesländern (Österreich, wie auch Deutschland) gibt es Initiativen mit einem vielfältigen Unterstützungsangebot für Familien mit einem postpartal depressiven Elternteil [Anmerkung].

In Tirol ist dies beispielsweise das Netzwerk Gesund ins Leben. Unter der Hotline +43 676 88 50 88 23 76 können kostenlos und unbürokratisch erste Informationen eingeholt und Hilfe angefordert werden. Ein Kontakt per E-Mail unter willkommen@gesundinsleben.at ist ebenfalls möglich.

Der oben bereits erwähnte Verein Schatten & Licht e.V. hilft in Deutschland mit Informationen, Initiativen und vielem mehr.

Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit, innere Stärke zu entwickeln.

(Dalai Lama)


Quelle 1: Oddo et al., 2008
Quelle 2: Wimmer-Puchinger & Riecher-Rössler, 2006
Anmerkung: Auch Männer sind, jedoch in einem sehr viel geringeren Anteil, von der Wochenbettdepression betroffen.

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